The Secret Agent
Filmkritik von Walter Gasperi
Kleber Mendonça Filho zeichnet in seinem in Cannes mehrfach preisgekrönten, packenden Politthriller ein atmosphärisch dichtes Bild des von Polizeiwillkür, Korruption, Angst und Verunsicherung geprägten Brasilien der Militärdiktatur der 1970er Jahre: Virtuos aufgebautes, inhaltlich vielschichtiges und visuell aufregendes Kino, das souverän die Spannung über 158 Minuten aufrecht hält.
Schon die schwarzweißen Archivaufnahmen am Beginn versetzen in die Vergangenheit. Der Hinweis auf den Karneval könnte fröhliche Stimmung erzeugen, doch im Kontrast dazu steht die Nachricht, dass die Feierlichkeiten schon 91 Tote gefordert haben und ein Insert, das 1977 als ein Jahr des Leids bezeichnet.
13 Jahre leidet Brasilien schon unter der Militärdiktatur und noch acht weitere Jahre werden folgen (1964 – 1985). Walter Salles´ erzählte von den Schrecken dieser Zeit zuletzt in seinem unter anderem mit einem Oscar ausgezeichneten Familiendrama "Für immer hier" ("I´m Still Here", 2024), doch im Vergleich zu diesem recht konventionellen Film bietet Kleber Mendonça Filho in seinem in Cannes mit dem Preis für die beste Regie, dem Darstellerpreis für Wagner Moura und dem Preis der internationalen Filmkritik (FIPRESCI) ausgezeichneten vierten Spielfilm ungleich moderneres, aufregenderes und komplexeres Kino.
An ein Western-Setting erinnert die Auftaktszene, wenn ein Mann (Wagner Moura) in seinem knallgelben VW-Käfer in der Pampa eine einsame Tankstelle ansteuert. Als der Fahrer eine neben der Tankstelle liegende, nur notdürftig mit Pappkartons zugedeckte Leiche sieht, will er schon weiterfahren, doch der Tankwart hält ihn ab. Noch während er auftankt, kommt eine Polizeistreife vorbei. Diese interessiert sich aber nicht für die Leiche, sondern kontrolliert vielmehr den Fahrer des Käfers.
Eine Beklemmung und eine Angst, wie man sie aus US-Filmen wie "Queen & Slim" bei der Kontrolle von Afroamerikaner:innen kennt, baut Mendonça Filho auf, wenn er die Beamten sich nicht mit den Papieren zufriedengeben, sondern auch den Feuerlöscher und den Kofferraum des Fahrers prüfen. Auch Bestechung kommt dazu, wenn sie um eine Spende für die Karnevalskasse der Polizei bitten.
Mit dieser ersten Szene baut der 57-jährige Brasilianer nicht nur eine Stimmung auf, die die folgenden zweieinhalb Stunden bestimmen wird, sondern bringt auch schon Polizeiwillkür und Korruption als zentrale Themen ins Spiel. Aber auch visuell drückt dieser Auftakt "The Secret Agent" schon den Stempel auf. Wie der knallgelbe VW-Käfer bestimmen kräftige Farben von einer orangen Telefonzelle bis zu einem roten Telefon den in Cinemascope-Format gedrehten Film und nicht nur die detailreiche Ausstattung evoziert mit Autos, Frisuren und Kleidung dicht die 1970er Jahre Atmosphäre, sondern auch die leicht körnigen, rauen Bilder.
Schließlich lassen die Polizisten den Mann, der sich Marcelo nennt, ziehen und er kommt in das am Atlantik gelegene Recife, wo er seinen Sohn bei seinen Schwiegereltern abholen will, um mit ihm das Land zu verlassen. Dem Ort der Solidarität, den er im Haus von Dona Sebastiana (Tânia Maria), die Verfolgten Unterkunft bietet, steht die Willkür gegenüber, die er bald in Person des Polizeichefs Polizeichef Euclides (Robério Diógenes) und dessen Helfern kennenlernt.
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