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Primavera - Vivaldi Und Ich

IT/FR 2024, I/df, 110', Regie: Damiano Michieletto, Michele Riondino, Tecla Insolia
Primavera - Vivaldi Und Ich

Filmkritik von Walter Gasperi

Dem italienischen Opernregisseur Damiano Michieletto gelang mit seinem Filmdebüt ein von Musik durchzogenes, bewegendes Drama über den Kampf um weibliche Selbstbestimmung im Venedig des frühen 18. Jahrhunderts: Ein gefällig erzählter und gut gespielter, aber auch etwas glatter Historienfilm, der Fakten und Fiktion mischt.

Von 1346 an wurden in Venedig im Ospedale della Pietá über 600 Jahre Tausende elternlose und ausgesetzte Mädchen aufgenommen. Die begabtesten wurden in Musik unterrichtet, um mit ihrem Spiel und Gesang nicht nur die vornehme Gesellschaft Venedigs zu unterhalten, sondern diese auch als Mäzene zu gewinnen. Vor allem aber wurden die Mädchen, sobald sie herangewachsen waren, an angesehene Männer der Stadt als Ehefrauen verkauft.

Historisches Faktum ist auch, dass Antonio Vivaldi (1678 – 1741) über Jahrzehnte in diesem Waisenhaus Musik unterrichtete. Fiktiv ist aber die junge Cecilia (Tecla Insolia), aus deren Perspektive Damiano Michieletto in seiner freien Verfilmung von Tiziano Scarpas 2008 erschienenem historischem Roman "Stabat Mater" erzählt.

Eindringlich spürbar wird Cecilias Sehnsucht nach der ihr unbekannten Mutter, wenn sie im Voice-over aus den Briefen zitiert, die sie an die Abwesende schreibt. Gegensätze prallen schon in der Auftaktszene aufeinander, wenn Teenager im Waisenhaus verzückt frisch geworfene Katzen ansehen, die Oberin den Wurf aber emotionslos ertränkt. Schon hier wird der Widerstand Cecilias spürbar.

Zentrales Element von "Vivaldi und ich", der zum Teil frappant an den zwar knapp 100 Jahre später, aber ebenfalls in einem venezianischen Waisenhaus mit Musikschule spielenden "Gloria!" (2024) erinnert, ist der Gegensatz von Macht und Ohnmacht, von herrschender Klasse und abhängigen jungen Frauen. Deren einfacher Einheitstracht stehen die pompösen Kleider der Oberschicht gegenüber und während sie ihre Haare unter einer Haube verstecken müssen, fallen die vornehmen Damen und Herren mit ihren prächtigen Frisuren und Perücken auf.

Prägnant vermittelt so Michieletto schon über die Kostüme das Machtgefälle, während das Waisenhaus als weitgehend einziger Schauplatz die Enge und Unfreiheit der Mädchen erfahrbar macht. Einerseits sollen sie zwar bei der Messe die Besucher:innen von der Empore aus mit Gesang und Spiel erfreuen, andererseits sollen sie aber quasi unsichtbar bleiben und zudem die Gesichter hinter einer Maske verstecken.
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Kritiken 

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Verleiher
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