Melodie
Filmkritik von Walter Gasperi
Vom Schlaflied für ein Neugeborenes bis zum gemeinsamen Singen mit Demenzkranken: Anka Schmid spürt in ihrem Dokumentarfilm der beruhigenden und stärkenden Kraft des aktiven Singens und von Gesang nach.
Lange blickt die Kamera von Stéphane Kuthy und Patrick Lindenmaier auf ein Neugeborenes, das durch ein Schlaflied offensichtlich beruhigt wird. Dieser Auftakt stimmt schon auf die Erzählweise von Anka Schmids Dokumentarfilm ein. Viel Raum lässt die Regisseurin in langen, meist unbewegten Einstellungen den Sänger:innen und ihrem Gesang. So verstärkt der langsame Erzählrhythmus die Wirkung der Musik und überträgt sie auf die Zuschauer:innen.
Von den Erinnerungen Jugendlicher unterschiedlicher Kulturen an Schlaflieder spannt Schmid bei ihrer Spurensuche den Bogen über die Sennerin Mina Inauen, die im Alpstein jeden Abend durch einen Holztrichter den Alpsegen singt, bis zur alten Griechin Panagiota Georgila und ihrem Klagelied, mit dem sie ihres verstorbenen Mannes gedenkt.
Schmid selbst hält sich zurück. Sie verzichtet auf jeden Kommentar, bleibt unsichtbar und ist nur durch wenige Zwischenfragen präsent. Sie überlässt den Raum ihren Protagonist:innen und deren Gesang. Diese sprechen dabei aber nicht nur über die Musik, sondern auch über die Ruhe und Stille auf der Alp, die nichts mit Einsamkeit zu tun hat, oder über das Verschwinden der Tradition der Klagelieder.
Etwas zu viel packt die 65-jährige Zürcherin in "Melodie" hinein, wenn sie mit der Nonne Schwester Veronika, die von der Verbreitung einer Pilzerkrankung im Klostergarten aufgrund der milden Winter erzählt, oder dem Imker Karl Reinhart, der über den Rückgang des Honigs aufgrund des häufigen Mähens der Felder klagt, auch den Klimawandel und Umweltprobleme ins Spiel bringt.
Doch der großartige Gesang der Klosterschwestern lässt darüber ebenso hinwegsehen wie der Auftritt Reinharts mit dem Thurgauer Männerchor Salmsach-Langrickenbach. Mit Gegensätzen arbeitet Schmid dabei nicht nur, wenn dem Klostergesang zum Bild der leeren Tribüne eines Stadions auf der Tonspur Gesänge von Fußballfans gegenüberstehen.
Auch Generationen lässt die Dokumentarfilmerin aufeinanderprallen. Während der Frühgeburt mit einem Monochord die Klangwelt im Mutterleib vermittelt werden soll, bietet die Schottin Heather Edwards, eine Pionierin der Musiktherapie, in einer Bibliothek sowie in Pflege- und Altersheimen Singnachmittage mit Demenzkranken an. Gesang wirke nämlich nicht nur beruhigend, sondern erleuchte auch Zonen im Gehirn.
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Kritiken
| - Rolf Breiner für breiner-textatur.ch |
| - Thomas Wiederkehr für musikzeitung.ch |
| - Hanspeter Stalder für der-andere-film.ch |
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