La Hija Condor
Filmkritik von Walter Gassperi
Eine junge Indigene soll im bolivianischen Hochland Nachfolgerin ihrer Ziehmutter als Hebamme werden, doch die Verlockungen der modernen Stadt sind groß: Álvaro Olmos Torrico erzählt ruhig und in großartigen Bildern eindringlich vom Aufeinanderprallen von Traditionen und Moderne – und dem langsamen Verschwinden und der Verdrängung des Alten.
In einer langen ruhigen Einstellung fängt die Kamera von Nicolás Wong Diaz eine Hausgeburt in den bolivianischen Anden ein. In der in warme Brauntöne getauchten Hütte streichelt die alte Hebamme Ana (María Magdalena Sanizo) sanft den Bauch der Schwangeren, während ihre junge Helferin und Ziehtochter Clara (Marisol Vallejo Montaño) die Gebärende mit leisem Gesang beruhigt.
Mit einem Schnitt springt die Kamera aus der Hütte in eine Totale der grandiosen Andenlandschaft, während ein Babyschrei von der Geburt kündet. Im wahrsten Sinne in die Welt tritt das Neugeborene mit diesem Auftakt, gleichzeitig wird die Handlung damit in einer ursprünglichen, von der Moderne – zumindest scheinbar - noch unberührten Region, in der alte Traditionen gepflegt werden, verankert.
Dass die Stadt freilich nicht allzu fern ist, wird spürbar, wenn Claras Freundin Flora von dortigen Partys und einem jungen Mann erzählt und auch bei Clara weckt die Musik aus einem alten Transistorradio, das sie nach einer Geburt als Belohnung erhält, Sehnsucht nach dem Neuen.
So geographisch genau "La hija cóndor" auch verankert ist, so erzählt Álvaro Olmos Torrico doch eine universelle Geschichte von jugendlichen Sehnsüchten und dem Spannungsfeld von Tradition und Moderne, die zuletzt auch die nordmazedonische Tragikomödie "DJ Ahmet" thematisierte.
Ruhig und genau, mit ethnographischem Blick beschreibt der 43-jährige Regisseur in seinem zweiten Spielfilm die Welt einer indigenen Gemeinschaft, die sich auch sprachlich durch das Quechua von der spanischsprachigen Stadt abhebt. Die Kamera bleibt zumeist statisch, auf extradiegetische Filmmusik wird lange verzichtet. Doch Torrico verschweigt auch die strenge Ordnung nicht, die hier herrscht, wenn eine Frau, die die Regeln gebrochen hat, bei einer Dorfversammlung öffentlich und mitleidlos durch Abschneiden ihres Zopfes bestraft wird.
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