Father Mother Sister Brother
Filmkritik von Walter Gasperi
In seinem in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichneten 14. Spielfilm erzählt die 73-jährige US-Indie-Ikone Jim Jarmusch drei voneinander unabhängige Geschichten über Familienbesuche: Ein von einem großartigen Ensemble und meisterhaften Dialogen getragenes und von sanftem Witz und Melancholie durchzogenes, lakonisches Triptychon über Entfremdung und die Unfähigkeit zu echter Kommunikation.
Heimatlose Männer standen im Zentrum von Jim Jarmuschs frühen Filmen "Stranger than Paradise" (1984) und "Down by Law" (1986). In "Broken Flowers" (2005) lag dann der Fokus auf einem gealterten Don Juan, der seine verflossenen Geliebten aufsucht, und in "Paterson" (2016) auf einem Busfahrer und seiner Frau. Dazwischen arbeitete sich die Indie-Ikone immer wieder am Genrekino ab vom Western in "Dead Man" (1995) über den Gangsterfilm in "Ghost Dog – Der Weg des Samurai" (1999) und "The Limits of Control" (2009) bis zum Vampirfilm in "Only Lovers Left Alive" (2013) und dem Zombiefilm in "The Dead Don´t Die" (2019).
Erstmals fokussiert Jarmusch nun auf Eltern-Kind-Beziehungen, gleichzeitig verbindet aber die episodische Struktur seinen jüngsten Spielfilm mit seinen früheren Filmen "Night on Earth" (1991) und "Coffee and Cigarettes" (2003). Wie er im Taxifahrerfilm "Night on Earth" den Bogen von Los Angeles über Rom und Paris bis Helsinki spannte, so spielen auch die Geschichten in "Father Mother Sister Brother" nicht in einem Land, sondern in New Jersey, USA, im irischen Dublin und in Paris. Und wie sich "Coffee and Cigarettes" ganz auf Zweiergespräche in einem Diner konzentrierte, so beschränkt sich Jarmusch hier ganz auf den Besuch erwachsener Kinder bei ihrem Vater bzw. ihrer Mutter.
Minimalistisch ist die jeweils auf wenige Personen und einen Nachmittag beschränkte Handlung. Witz entwickelt sich durch die Wiederholungen und leichten Variationen in den drei voneinander unabhängigen Episoden. Immer gibt es so eine Autofahrt zum Haus der Eltern. Während Jeff und Emily durch das waldige und verkehrsarme New Jersey zum an einem See gelegenen Haus ihres Vaters fahren, führt Timothea und Lilith (Vicky Krieps) die Fahrt durch die Backsteinsiedlungen Dublins zu ihrer Mutter und Skye und Billy sind im verkehrsreichen Paris unterwegs.
Gleichzeitig gibt es den Unterschied, dass Jeff und Emily gemeinsam, Timothea und Lilith dagegen getrennt anreisen und dem Empfang dieser beiden Kinderpaare bei Skye und Billy der Besuch einer leeren Wohnung gegenübersteht. Wie Adam Drivers fürsorglichem Sohn die distanziert-kühle Tochter gegenübersteht, so bilden in der zweiten Episode die steife Timothea und die unkonventionelle und rebellische Lilith einen starken Kontrast.
Wunderbare Rollen bietet Jarmusch hier nicht nur Vicky Krieps und Cate Blanchett, die aus ihren Rollenmustern lustvoll ausbrechen können, sondern auch Charlotte Rampling kann als dominante Mutter ebenso brillieren wie Tom Waits, der schon in "Down by Law" eine Hauptrolle spielte, als zumindest scheinbar zerstreuter und chaotischer Vater.
Witz und Reiz entwickelt sich dabei, wenn sich – abgesehen von der dritten Episode - das Teetrinken und Diskussionen über die Qualität von Wasser ebenso wiederholen wie das gleiche Rot der Pullover von Eltern und Kinder oder in jeder Episode der Satz "Bob´s your uncle!" fällt. Aber auch eine kurze Diskussion über eine Rolex-Uhr sowie in Zeitlupe eingefangene Skateboarder finden sich in allen drei Geschichten und stellen Querverbindungen her.
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