On Vous Croit
Filmkritik von Walter Gasperi
So konzentrierte und intensive 78 Minuten erlebt man im Kino selten: Charlotte Devillers und Arnaud Dufeys zeichnen maximal reduziert und mit dokumentarischer Nüchternheit eine Anhörung in einem Sorgerechtsstreit um zwei Kinder nach.
Der Opulenz, die Blockbuster bieten können, setzt das belgische Regie- und Drehbuch-Duo Charlotte Devillers und Arnaud Dufeys in seinem Debüt äußerste Reduktion entgegen. Schon die erste Großaufnahme von Alice zieht unmittelbar in "On vous croit" hinein.
Die Enge des 4:3-Formats verstärkt ebenso die Nähe und die Unmittelbarkeit wie der folgende Einsatz einer unruhigen Handkamera, wenn Alice versucht, mit immer lauterem Schreien ihren zehnjährigen Sohn Etienne zu bewegen, in die Straßenbahn einzusteigen. Doch erst die 17-jährige Tochter Lila kann den Jungen zum Einlenken bewegen.
Gemeinsam ist das Trio unterwegs zu einem wichtigen Gerichtstermin. Dort findet nämlich eine Anhörung im Sorgerechtsstreit um die beiden Kinder statt. Etienne möchte dabei aber auf keinen Fall seinen Vater sehen. So rennt er im Gerichtsgebäude wieder weg und Alice muss ihn beruhigen. Aber auch Alice ist aufs höchste angespannt und bricht in Panik aus, als ihre beiden Kinder für ein Gespräch mit ihrem Anwalt in einen anderen Raum gebracht werden.
Vom ersten Bild an entwickelt "On vous croit" enorme Dichte und hält diese über seine knappen 78 Minuten aufrecht. Kein Bild zu viel gibt es hier und Co-Regisseurin Charlotte Devillers weiß genau, wovon sie erzählt, kam sie als Krankenpflegerin doch in Kontakt mit solchen Fällen. Aber auch die Besetzung der Anwält:innen mit echten Anwält:innen steigert die Authentizität, nur Alice, ihr Ex-Mann, die Richterin und die beiden Kinder werden von Schauspieler:innen gespielt.
Im Zentrum steht die 55-minütige, in Echtzeit ablaufende Anhörung im Büro der Richterin. Mit drei Kameras wurde diese Szene, bei der die Kinder nicht dabei sind, in einem Durchgang gedreht. Nichts lenkt den Blick von den Protagonist:innen ab. Mit dokumentarischer Genauigkeit filmen Devillers und Dufeys das Procedere. Zunächst legen die Anwältin von Alices Ex-Mann, die auch vor Untergriffen gegen Alice nicht zurückschreckt, und Alices Anwältin sowie der Anwalt der Kinder ihre Sicht der Dinge dar, dann kommen Alices Ex-Mann und Alice selbst zu Wort.
Fast ausschließlich statische Großaufnahmen bestimmen den Film, verstärkt wird dabei noch die Konzentration auf die Gesichter durch das nüchtern weiße Büro und die geringe Schärfentiefe, durch die der Hintergrund in unscharfes milchiges Weiß getaucht wird. Lange Einstellungen verlangen hier den Schauspieler:innen viel ab.
Im Zentrum steht dabei Alice. Minutenlang verharrt die Kamera von Pépin Struye während der Reden der Anwält:innen immer wieder auf ihrem Gesicht, macht ihre zwischen Anspannung, Verzweiflung und Wut pendelnde Stimmung intensiv erfahrbar, aber auch die Reaktion des Ex-Mannes wird nicht ausgespart.
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